NORDSÜDFAHRT · Panamericana

NORDSÜDFAHRT
Panamericana

Macará
Catamayo
Ecuador

22. Mai 2019.

Wir verlassen Cuenca, eine Stadt, die uns Willkommen geheißen hat und in der wir uns sehr wohlfühlten, nichts ahnend, was in naher Zukunft auf uns zukommen sollte.

Ecuadors Südzipfel liegt zwischen Pazifik im Westen und Dschungel im Osten. Das erklärt, warum in diesem Teil der Anden in den Tälern hohe Temperaturen gemessen werden und aufsteigender Nebel die Berge oft verhüllt. Tourismus findet man hier kaum und wir durchfuhren Städte, die keine besondere Ausstrahlung haben. Erster Stopp in diesem etwas abgelegenen Teil Ecuadors war Loja. Übernachtet wird in einem kleinen Hotel, da Campingplätze nicht vorhanden waren.

23. Mai 2019.

Auf uns warteten Bergpassagen, die uns durch und über die Wolkendecke führten. Ein kurzer Zwischenstopp im Städtchen Catamayo und es ging weiter zur Grenze Ecuador/Peru. Unheil kündigte sich an. Kurz vor Macará, dem Grenzort, in dem wir übernachteten, bevor es nach Peru gehen sollte. Zehn Kilometer vor Macará verlor Büdchens rechtes Hinterrad Luft. Immer hinten rechts. Wir schafften es gerade noch bis zu einem Vulkanisationsbetrieb. Ursache war diesmal ein Schnitt an der Außenseite des Reifens, was ein Flicken unmöglich machte. Alternativ wurde ein Schlauch eingezogen.

24. Mai 2019.

Die Tristesse des Grenzortes Macará spürt man fast physisch, also schnell zur Grenze.

Kurzinformation. Bei Einreise nach Ecuador, Problem seit Mexiko bekannt, ein Halter und zwei Fahrzeuge sieht in Lateinamerika kein Grenzsystem vor. In den meisten Fällen wurde für Büdchen ein Dokument erstellt und die alte BMW mit ihren Daten ebenfalls darauf vermerkt. So auch bei der Einreise nach Ecuador. Vor Grenzübertritten nahmen wir daher die BMW Huckepack, um unnötige Diskussionen an den Grenzen zu vermeiden. Heute verzichteten wir darauf, weil es gestern durch die Reifenpanne recht spät wurde und wir wollten ja aus Ecuador nur emigrieren. Die Einreise nach Peru, so hatten wir gehört, soll für Overlander problemlos sein. Das Unheil nahm seinen Lauf. Ecuador und Peru sind hier durch einen Fluss getrennt. Die Brücke über den Fluss ist Niemandsland. Moskitos und alles, was sonst noch so sticht, bevorzugen die Nähe zu Flüssen und so wurden wir für die nächsten Stunden ihr Ziel.

Jetzt ging es los. Zoll/Aduana Ecuador: „Halt! Dokumente. Wo ist das Dokument für das Motorrad?” „Steht mit auf dem Dokument des Autos”, erwiderte ich. „Das geht nicht.” „Doch! So sind wir in Ihr Land eingereist und es wurde an Ihrer Grenze so vermerkt”, versuchte ich zu erklären. „Dann hat die Grenzstation zwischen Kolumbien und Ecuador einen Fehler gemacht.” „Ja, mag sein, aber ist nicht unsere Schuld”, bemerkte ich. Eine Migrationsmitarbeiterin kam dazu. Man muss wissen, unsere Reisepässe waren bereits abgestempelt und somit waren wir faktisch nicht mehr in Ecuador – wir als Personen. „Wir können Sie nicht ausreisen lassen!”, beschloss der Beamte. Eine Stunde später standen wir mit sechs Militärs, die Camouflage Kampfanzügen trugen, wahrscheinlich aus US-Beständen, in der Sonne, die erbarmungslos auf uns herab schien. Es wurde telefoniert und diskutiert. Dann plötzlich ein Vorschlag: „Sie können Ihre Reise mit dem VW Bus fortsetzen, aber das Motorrad bleibt hier.” Ich machte allen klar, dass wir auf keinen Fall ohne meine alte BMW weiterreisen würden. Nächster Teil des Dramas wurde durch folgende Aufforderung an uns eingeleitet: „Bevor wir überhaupt weiterreden, sollten Sie zu Fuß nach Peru gehen und dort Einreisen und anschließend direkt wieder Ausreisen, um hier in Ecuador wieder ordnungsgemäß einreisen zu können. Bis Sie zurück sind, haben wir Ihren Fall geklärt.

Wir gingen über die Brücke nach Peru. Eineinhalb Stunden standen wir zur Migration nach Peru in der Schlange. Rita und ich wurden von Moskitos traktiert und ich schwitzte zusätzlich in Motorradhose und Stiefeln. Alles wurde von uns erledigt. Der peruanische Zollbeamte sagte uns, dass wir zwei Stunden warten müssten, könnten uns aber danach wieder zur Ausreise in der Schlange anstellen. Erledigten wir auch. Zurück über die Brücke nach Ecuador. Sie wissen schon, Einreise, zum Glück keine Schlange. Erledigten wir auch. Militärs hatten mittlerweile Spaß an der alten BMW und machten lachend Selfies mit unserem Motorrad. Hinter vorgehaltener Hand nannte man uns Gringos. Erneute Diskussionen brachten uns nicht weiter. Zeit verging ohne Ergebnis. Dämmerung setzte ein, als jemandem einfiel, dass heute ein Feiertag sei und in der Zollzentrale niemand arbeiten würde. Man sagte uns: „Eine Entscheidung kann frühestens am Montag getroffen werden, in der Aduana Zentrale in Catamayo.” „Gut”, meinte ich, „Jetzt schließe ich die BMW ab und wir übernachten hier im VW Bus über das Wochenende.” Antwort: „Das geht nicht. Sie haben nur zwei Optionen. Erste Option. Ein Soldat fährt die BMW nach Catamayo und Sie im Bus hinterher oder – zweite Option – Sie verzurren das Motorrad auf dem VW Bus und fahren in Begleitung von zwei Soldaten nach Catamayo.

Rita war am Ende und verzweifelt, ich auch, wollte dies aber nicht zeigen. Unter Gelächter der Militärs musste ich meine BMW auf den Träger schieben und verzurren. Rita musste mit einem Soldaten im Militärfahrzeug fahren und ich bekam für Büdchen einen Beifahrer. Es ging los. Fast die ganze Strecke von gestern zurück über die Berge. Sehr anspruchsvoll zu fahren. Stoppten noch an einem Militärkontrollposten und erreichten nach drei Stunden, zum Teil durch starke Nebelabschnitte, die Zollzentrale in Catamayo. 23.00 Uhr und ich lud die BMW vom Träger und schob sie auf das Zollgelände, wo schon viele konfiszierte Fahrzeuge standen. Im Anschluss brachte man uns in ein Hotel nach Catamayo und meinte: „Am Montag wird alles geklärt.” Das Schlimmste ist das Gefühl, ohnmächtig zu sein.

25. Mai 2019.

Telefonierte vor dem Frühstück mit unserer Deutschen Botschaft in Quito. Mitarbeiter sehr nett, konnte uns aber auch nicht wirklich beruhigen, weil er sagte: „Leider häufen sich die Fälle in letzter Zeit, das Fahrzeuge an der Grenze konfisziert werden.” Hintergrund sei, dass viele Reisende die hohen Strafzölle nicht aufbringen könnten und so blieben die Fahrzeuge in Ecuador. Na, prima.

Es war sehr heiß in Catamayo und wir hielten uns im Hotel auf. Da wir von der anderen Seite nach Catamayo gekommen waren, fiel uns erst sonntags auf, dass wir bereits am Donnerstag – auf dem Weg zur Grenze – diesen nicht sehr attraktiven Ort durchfahren hatten.

26. Mai 2019.

Nicht gut geschlafen, wie auch. Wir verbummelten den Tag, ohne zu wissen, dass die Nacht noch etwas Aufregendes für uns bereithalten sollte. 2.41 Uhr Ortszeit wurden wir aus den Betten geholt. Unser Hotel bewegte sich. Ich rief zu Rita: „Raus, raus auf die Straße. Das ist ein Erdbeben.” Zimmertüre auf, dritter Stock und wir liefen mit allen anderen Hotelgästen die Treppen hinunter. In Unterwäsche standen die meisten vorm Hotel, wir auch. Das Beben war vorbei und alle waren froh, das nicht mehr passiert war. Es war eines der stärksten Beben der letzten Jahre in Nord-Peru. Beim Epizentrum erreichte der Wert auf der Richterskala 8,0. Hier in Catamayo, ein paar hundert Kilometer vom Epizentrum entfernt, wackelten noch die Wände.

Lernten Carlos kennen, einen Ecuadorianer, der in der Gegend für eine Firma als Geologe im Einsatz war. Carlos stammt aus Quito und sollte uns in den nächsten Tagen so manches Mal aufbauen.

27. Mai 2019.

Montag, der Tag, an dem alles aufgelöst werden sollte. 8.00 Uhr im Aduana/Zoll-Gebäude. Marmor, Edelstahl und Mitarbeiter in teuren Kleidungsstücken erwarteten uns. Sehr ungewöhnlich, ist der Großteil der Bevölkerung doch eher ärmlich gekleidet. Zuerst standen wir vor dem Schreibtisch einer Juristin. Original-Ton nach wenigen Minuten: „Sie haben für das Motorrad kein separates Dokument und damit ist eine Ausreise nicht mehr möglich.” Ich sprach daraufhin mit der Leiterin der Zollstelle und bekam folgende Antwort: „Das wird sehr schwierig ohne Dokument.” Die Tortur nahm ihren Lauf. Die nächsten acht Stunden warteten wir im Eingangsbereich der Aduana auf eine positive Entscheidung. 17.30 Uhr und es war Feierabend in der Behörde. Man vertröstete uns auf Morgen. Es wäre halt sehr schwer, einen Weg zu finden, um uns zu helfen. Zurück zum Hotel und erneutes Einchecken.

Es gab ein bisschen Abwechslung. Trafen abends Heike, Toshi und Legin ein. Die Drei, die wir bereits auf Galapagos getroffen hatten.

28. Mai 2019. Zuerst informierten wir unsere Botschaft in Quito über den Stand der Dinge und übersandten alle notwendigen Dokumente. Alle Mitarbeiter der Botschaft zeigten großen Einsatz, uns zu helfen. Man versprach, direkt Kontakt mit dem Hauptzollamt in Quito aufzunehmen. Zurück zum Zollamt Catamayo. Selber Flur, selber Sitz, wieder acht Stunden. Zwischendurch werden wir immer wieder vertröstet, bis die Aussage eines Zollmitarbeiters mich reagieren ließ: „Es ist möglich, dass Sie ihr Motorrad abschreiben müssen, da es illegal im Land ist.” Meine Antwort: „Wir werden dieses Land nicht ohne meine BMW verlassen.” Nun musste noch mein alter Vater in Köln ran: „Die BMW ist ein Geschenk meines Vaters und der würde mir nie verzeihen, sollte ich ohne sie nach Hause kommen.” Mein Vater hat noch nie auf einem Motorrad gesessen, bis heute nicht und er wird dreiundachtzig Jahre alt. Entschuldigung dafür.

Plötzlich ein Lichtblick. Es würde so lange dauern, sagte man uns, weil man dabei wäre die Strafgebühr zu berechnen und keine Grundlage finden würde, den Wert der BMW festzulegen. 16.00 Uhr sollte dann ein Sachverständiger auftauchen. Fehlanzeige. 17.30 Uhr Feierabend. Sachverständiger kam nicht. Zurück ins Hotel. Ja, wieder einchecken. An diesem Abend war Carlos bemüht, uns etwas Hoffnung zu machen.

29. Mai 2019.

Der obligatorische Anruf mit der Deutschen Botschaft wurde getätigt und alle Bemühungen von uns und dem Botschaftspersonal zeigte anscheinend Wirkung. Die Botschaft hatte nach Übermittlung unserer Unterlagen ans Hauptzollamt in Quito gute Nachrichten für uns. Wir sollten heute die alte BMW zurückbekommen, hatte Quito entschieden und werde das Zollamt in Catamayo unterrichten. Glücklich verließen wir das Hotel und fuhren zum Zollamt. Hier war der Anruf aus der Hauptstadt bereits angekommen. Wer aber denkt, wir hätten die BMW direkt zurückbekommen, irrt. Viel Schreibkram wäre nun nötig, um den Fall abschließen zu können. Selber Flur, selber Sitz. Mittagszeit verstrich, als gegen 16.00 Uhr die Leiterin des Zollamtes vor uns stand und etwas beschämt um Entschuldigung bat. Es wäre da wohl etwas schiefgelaufen. Eine Stunde später unterschrieb ich ein seitenlanges Schriftstück auf Spanisch und musste mit einem Zollbeamten zu einer Bank gehen, um eine Gebühr in Höhe von 7,26 US-Dollar zu entrichten. Zurück zum Zoll/Aduana. Folgendes sagte ich zum Abschluss der englisch sprechenden Leiterin: „Einundsechzig Jahre habe ich alt werden müssen, um gleich das vierte Mal ins gleiche Hotel einzuchecken – hintereinander. Meine Frau Rita ist so fertig, dass sie auf eine Weiterreise verzichten möchte.

Ich hatte Angst, morgen die Bergstrecke zu fahren, musste ich doch davon ausgehen, dass das Interesse an meiner BMW bei Teilen der militärischen Abteilung des Zolls noch immer groß sein könnte. Ich beschloss, am nächste Morgen meine Botschaft über die zu fahrende Strecke zu unterrichten. Nach fünf Tagen bekam ich meine Schlüssel zurück, schob die BMW vom Parkplatz auf die Straße, verlud sie auf Büdchens Rücken und fuhr das letzte Mal zum Einchecken in das Hotel.

30. Mai 2019.

Konnte Rita überzeugen, weiterzufahren und so erreichten wir die Grenze in Macará. Ausreise ging schnell, Einreise nach Peru auch. Bekamen sogar zwei Dokumente. Eins für das Büdchen und ein weiteres für die BMW.

22.-30. Mai 2019 · Macará · Catamayo · Ecuador