NORDSÜDFAHRT · Panamericana

NORDSÜDFAHRT
Panamericana

Wawa
Ontario
Kanada

28. Juni 2018.

Verständlicherweise früher Aufbruch, aber wir wurden entschädigt. Sagenhaft schöne Strecke zwischen Batchawana Bay und Wawa im kanadischen Ontario. Ein auf und ab durch eine Bergregion mit Blicken auf den Lake Superior, manchmal voller Nebel und kalt, dann wieder strahlend blauer Himmel mit Felswänden und Bergseen, bevor um die nächste Ecke wieder der große Lake in den Fokus rückte. Nach 208 Kilometer sollte es genug sein und wir wollten unsere von Mücken hervorgerufene Streuselkuchenhaut verarzten. Dazu gingen wir in Wawa in ein Motel. Wie nicht anders möglich, ins Wawa Motel.

29. Juni 2018. Bevor wir euch sagen, ja, wir bleiben noch einen Tag im Motel, weil…, hier eine Geschichte. Wir hoffen, zur Erheiterung. Ein bis zweimal täglich landeten wir manchmal auf einen Kaffee bei der Kette „Tim Hortens”. Neuestes Angebot: „Poutine”. Unbeschreiblich, Kartoffeln mit Schale frittiert, Käsewürfel und darüber eine braune Bratensoße. Jetzt die Geschichte über mein Englisch respektive mein Französisch und eine Unterhaltung mit einem netten Kanadier vor ein paar Tagen. Er sagte zu mir: „I like poutine”. Wird ausgesprochen wie Putin, so glaube ich. Ich zu ihm: „Yes, Yes. I like Trump, Kim Jong-Un and all other crazy people”. Er schaute mich an und meinte nur: „Please taste it” und reichte mir etwas von seinem Poutine.

Schrauberalltag. Morgens sah ich Öl unter der BMW. Nette Anfrage bei der moteleigenen Rasenmäher- und Snowmobil-Werkstatt ergab nur: „Keine Zeit, kein Platz, keine Ahnung”. Auf der anderen Seite eine Garage für Snowmobile. Keine Zeit, keine Ahnung, kannst aber auf dem Hof schrauben. Öl drückte aus der Stößelstangendichtung am Motorgehäuse. Nicht viel, aber wehret den Anfängen. Nur an einer Stößelstange und am linken Zylinder. Zum Glück. Schraubte den Ventildeckel ab und sah, zur Abdichtung müsste man den Zylinder komplett abnehmen. Es fing an zu regnen. Entschied mich, Öl zu besorgen und so lange weiter zu fahren, bis auf der Strecke eine BMW-Werkstatt kommt. Recherche ergab, erst in Winnipeg, dann Calgary. Wir werden sehen.

30. Juni 2018. Blieben im Motel. Zwei Unwetter zwangen uns dazu, sogar mit Tornadowarnung.

1. Juli 2018. Canada Day. Sowas wie Nationalfeiertag. Eine Unterhaltung mit Mister De Luca passte zur Zeit. Die „First Nation” finden den Canada Day nicht so passend. Zuerst haben wir Anfang des 16. Jahrhundert unsere Krankheiten nach Kanada mitgebracht und die Anzahl der Ureinwohner stark dezimiert. Clevererweise fingen wir an, sie für uns jagen zu lassen im Tausch gegen Gewehre (Arbeitsgerät) und Alkohol. Ihrem Land beraubt machten wir sie zur Unterschicht ohne Zugang zu Schulen, Arbeit und sozialem Leben, auch weil sich ihre Kultur von der unseren stark unterschied und unterscheidet.

Lage zur Zeit sehen wir so, sie leben in Reservaten und sind vor dem Gesetz gleich. Laut Mister De Luca, einem freundlichen BMW RT 1200 Fahrer, mit dem wir zu Abend gegessen hatten, unternimmt der Sohn des früheren Premierministers, der heutige Premierminister Justin-Pierre Trudeaud, viel, um das Zusammenleben mit den „First Nation” zu verbessern, ohne ihre Traditionen zu vernachlässigen. Einige schaffen es, ein Studium zu absolvieren und dann kommt, so meinen wir, der entscheidende Punkt. Bleibt der Studierte „First Nation” in der Welt, in unserer Welt, mit Haus, Pool, TV, Autos und dergleichen oder geht er zu seinem Volk zurück, um Sie aus der Isolation zu führen, immer mit dem Ziel, ihre Traditionen zu bewahren.

Vielleicht sind es diese Menschen „First Nation”, die uns so konsumorientierte Industriebevölkerung mitnehmen können auf dem Weg, die Ressourcen unseres einmaligen Planeten wieder mehr Wert zu schätzen. Die Erfahrung haben sie und wir würden gut daran tun, von Ihnen zu lernen. Geht auch mal anders herum, wie ich finde.
Übrigens. Das soll nicht heißen, das wir alle Karl May Bücher mit Winnetou und Old Shatterhand wegschmeißen. Es sind wunderbare Geschichten, die zwar nicht viel mit der Vergangenheit und Realität zu tun haben, aber jedes Kind wissen lässt, es gab und gibt die sogenannte Indianer „First Nation” und das ist schon mal ein Anfang.

1. auf 2. Juli 2018. Waren des Nachts um ein paar Kilometer einem Tornado entgangen und hofften, das sich die Wetterlage entspannen würde. Temperaturen bis 40° Celsius und Schwüle. Braucht keiner.

Nord-Süd-Fahrt Beipackzettel zur Reise

1 Jahr, 4 Monate und 19 Tage unterwegs auf der Panamericana

Nachtgedanken. Dinge, die einen zu Hause beschäftigen, beschäftigen einen auch unterwegs. Physische und psychische Gemengelagen treffen einen auch fern der Heimat. Wer weglaufen will, dem sei gesagt, das klappt in den wenigsten Fällen und ab einem bestimmten Alter ist der Rucksack, den jeder mit sich trägt, voller als mit Zwanzig. Mittlerweile glaube ich, nur die Farbe des Rucksacks lässt sich frei wählen, der Inhalt eher selten.

28. Juni - 1. Juli 2018 · Wawa · Ontario