NORDSÜDFAHRT · Panamericana

NORDSÜDFAHRT
Panamericana

Buenos Aires
Argentinien

4. Oktober 2019.

Eins wäre noch nachzureichen. Gestern überquerten wir kurz vor Bahía Blanca den Rio Colorado und verließen damit Patagonien. Büdchen hatte die BMW GS wieder huckepack genommen und so rollten wir bei vorhergesagtem Regen auf der Ruta 3 nach Norden. Ein Landschaftswechsel stand an. Es wurde ja schon erwähnt, dass Guanakos nicht mehr vorkommen. Schafherden wurden kleiner und Rinderherden traten an ihre Stelle. Grüne Weiden, Baumriesen, die wie Monumente in der Landschaft stehen und Palmen, wenn auch noch selten, traten in Erscheinung. Die Subtropen sind halt nicht mehr fern.

Auf den nächsten achthundert Kilometern waren große Rinderherden unsere ständigen Begleiter und dokumentierten nachdrücklich, was das Hauptstandbein der argentinischen Wirtschaft ist. Für Liebhaber von historischen LKW-Modellen, besonders die mit dem Stern aus den Sechziger Jahren, wäre die Fahrt bis Buenos Aires wie der Besuch eines Oldtimer-Museums vorgekommen. Achthundert Kilometern sind irgendwann auch gefahren und „Groß Buenos Aires“ wurde am Nachmittag erreicht. In Buenos Aires Stadt, im 16. Jahrhundert am Rio de la Plata gegründet, leben heute drei Millionen Menschen, jedoch umfasst die Metropolregion vierzehn Millionen Einwohner und ist damit einer der Megaansiedlungen in Südamerika. Ein Drittel der Gesamtbevölkerung Argentiniens lebt hier und macht Buenos Aires zum Zentrum des Landes. Buenos Aires ist Regierungssitz, Wirtschafts- und Kulturzentrum. Mehr sollten wir bei unserem Aufenthalt erfahren. Bis zum 13. Oktober 2019 waren wir im NH Hotel, einem Touristenhotel in unmittelbarer Nähe zum Obelisco an der riesigen Avenida de 9.Julio.

Nach langer Fahrt bescherte der Portier des Hotels uns ein Déjà-vu – Ankunft San Francisco, hatte Büdchen ja die alte BMW auf dem Rücken. Bei Steigungen und starkem Gefälle, ist dem Rechnung zu tragen. Übersetzt, je nach Steigungs- und Gefällewinkel, ist ein Aufsetzen kaum zu verhindern. Die Höhe der Einfahrt war mit 2,10 Meter angegeben, was so gerade hinhauen würde. Ein Nachfragen beim Portier, ob die steile und schmale Einfahrt für unser Büdchen machbar wäre, wurde mit einem breiten Grinsen bejaht. Also auf! Toreinfahrt gemeistert. Langsam ging es die schmale und lange Einfahrt hinunter. Kurzes Aufsetzen beim Erreichen der Parkebene und Einschlagen des Lenkrades. Noch mal vorsichtiges Zurücksetzen und man sollte die Einfahrtskurve gemeistert haben. Geschafft. Wollte gerade durchatmen, als mich ein Betonsturz, maximale Höhe 1,90 Meter, dazu zwang in die Bremsen zu steigen. Flüche, die dann folgten, möchte ich nicht wiederholen. Es gab nur eine Möglichkeit, den gefahrenen Weg zu absolvieren. Das Ganze rückwärts. Entschuldige mich im Nachhinein bei Büdchens Kupplung. Es ist ärgerlich, hatten wir doch im Vorfeld alles dem Hotel mitgeteilt.

Einwurf! Fast am Ende der Reise stand eins für uns fest! In allen lateinamerikanischen Ländern ist Kundenservice und das aufmerksame Bedienen von Gästen ein Fremdwort, außer du hast einen Tipp in der Hand. Ausnahmen bestätigen die Regel. Anschließend Zimmer bezogen und gut war's.

5. Oktober 2019.

Fenster zur Avenida 9. de Julio und wir bekamen die ersten Eindrücke vom Verkehr dieser Megastadt. Der Name der Avenida soll an den Unabhängigkeitstag Argentiniens am 9. Juli 1816 erinnern. Zählt man alle Spuren inklusive Bus- und Taxi-Linien, so kamen wir auf achtzehn Spuren, was rekordverdächtig ist. Der Pluspunkt unseres Hotels war die Lage, direkt am Obelisco gelegen.

Sie ahnen es bestimmt, die Erkundung der Stadt wurde zu Fuß gestartet. Gesäumt von wunderschönen Gebäuden des Klassizismus und Jugendstils liefen wir die Avenida de Mayo bis zum gleichnamigen Platz „Plaza de Mayo“, mehr oder weniger das Zentrum von Buenos Aires und der Platz, wo sich unter anderem die Catedral Metropolitana und die Casa Rosa – der Regierungspalast – befindet. An gleicher Stelle steht auch das „alte Rathaus“ von BA, was heute so etwas wie ein Stadtmuseum ist. Vergleichbar mit dem Kölnischen Stadtmuseum in der Zeughausstraße in unserer Heimatstadt, nur etwas kleiner als unser Zeitgedächtnis.

Ehrlich gesagt nicht uns, nein, mich zog es in eins der berühmtesten von achtundvierzig Stadtteilen von Buenos Aires, nach „La Boca“. Das Hafenviertel entstand durch die Ansiedlung italienischer Einwanderer, überwiegend aus Genua, Ende des 19. Jahrhunderts. Heute ist ein kleiner Teil des Viertels, mit dem Stadion der „Boca Juniors“, Touristen-Hotspot. Tausende Touristen werden hier Tag für Tag vorbei an den bunten Wellblechhäusern des „El Caminito“ (Kleiner Weg) geschleust. Souvenirläden, schlechte Restaurants und zweitklassige Tango-Aufführungen sind das Ergebnis. Mich zog das Fußballstadion der hier ansässigen „Boca Juniors“ an, dem Klub in dem Diego Armando Maradona zum Weltfußballer heranwuchs. Es ist zwar schon etwas her und Lionel Messi macht als Souvenir-Ikone Maradona Konkurrenz, doch Maradona wird man hier nie vergessen. Auch Rita beeindruckte das blaugelbe Stadion inmitten des Viertels. Kurz entschlossen nahmen wir an einer Stadionführung teil. So erfuhren wir, dass das Stadion „La Bombonera“ – Pralinenschachtel – heißt und die Vereinsfarben zuerst schwarz-weiß waren. Nach einer Spielniederlage, in der es auch darum ging, wer weiter die Vereinsfarben schwarz-weiß tragen durfte, kam es zu folgender Geschichte. Ein Treffen in einer Hafenkneipe brachte nach Stunden kein Ergebnis und man beschloss, zum Hafen zu gehen und die Flaggenfarben des nächsten Schiffes, was in den Hafen von La Boca einlaufen würde, als Vereinsfarben zu übernehmen. Am Hafen angekommen, lief gerade ein Schiff unter schwedischer Flagge ein. Damit stand fest, blaugelb sind ab jetzt die Vereinsfarben des Fußballklubs „Club Atletico Boca Juniors“.

Ein Novum hat das Stadion noch. An der Haupttribüne läuft eine Uhr, welche die Zeit seit Einweihung des Stadions fortschreibt. Bei unserem Besuch – Stand: 114 Jahre, 185 Tage, 14 Stunden, 38 Minuten und 43 Sekunden.

Das im Stadion untergebrachte Museum wurde noch besucht, bevor der in die Jahre gekommene Amateur-Kicker, meint mich, sich eine Boca-Junior-Trainingsjacke kaufte, die bestimmt auf der Jahnwiese, hinter dem berühmten Müngersdorfer Stadion, noch einen Einsatz bekommen wird. Zurück in Hotelnähe ließen wir den Tag am Plaza Lavalle, Rückseite des weltbekannten Teatro Colon, bei einem Kaffee ausklingen.

6. Oktober 2019.

Viel wollten wir am heutigen Sonntag nicht unternehmen, werden wir doch noch einige Zeit in der Stadt sein. Jede Demonstration, jeder Protest und jede Kundgebung, so schien es, hat als zentralen Punkt den Obelisco auf der Avenida 9 de Julio. Heute waren es die Sozialisten, die lautstark ihre Forderungen formulierten. Unsere Aktivitäten bestanden an diesem Tag aus einem Spaziergang in den Straßen rund um unser Hotel, was die oft gelesene Aussage, dass Buenos Aires, wenn es kurz beschrieben werden soll, eine Mischung aus Paris und Madrid sei, bestätigte.

7. Oktober 2019.

Ausgeruht und motiviert stand der große Stadtteil „Palermo“ im Norden von Buenos Aires auf der Besichtigungsagenda. Wir ließen uns mit dem Taxi an die Nahtstelle zwischen den zwei Unterstadtteilen Palermo Soho und Palermo Hollywood bringen. Jorge Luis Borges und Che Guevara lebten einst in diesem Teil von Buenos Aires. Was wir von diesen Stadtteilen sahen, lässt sich am besten durch einen Vergleich beschreiben. Wir würden sagen, obwohl die Gebäude meistens nur zwei bis drei Stockwerke haben, kommen sie atmosphärisch in die Nähe von Berlin-Friedrichshain oder Prenzlauer Berg. Hier wie da Orte für überwiegend Bildungsbürger der oberen Mittelschicht. Nette Boutiquen, Restaurants, Kunstgalerien, Antiquitätengeschäfte und Street Art an jeder Ecke. Bestimmt angenehm zu leben, jedoch weit vom Lebensstandard der Mehrheit der Argentinier entfernt.

8. Oktober 2019.

Das Viertel „Puerto Madero“ zu sehen stand an. In und um die alten Lagerhäuser des Hafens und der Hafenbecken war es neu entstanden und nur ein kurzes Stück vom Plaza Mayo entfernt. Um dort hinzugelangen, liefen wir ein weiteres Mal über die Avenida de Mayo und entdeckten dabei sechs Fliesen an einer Hauswand. Diese Fliesen erinnerten an die schlimme Zeit der Militärdiktatur und an das Verschwinden von 30.000 Menschen während dieser Zeit. Argentinische Militärdiktatur (1976-1983) auch als schmutziger Krieg bezeichnet. Später sahen wir ähnliche Fiesen in den Vierteln La Boca und San Telmo. Eine Parallele hierzu bilden die Stolpersteine in Köln, vom Projektkünstler Gunter Demnig, die an die NS-Verbrechen erinnern sollen, welche an der jüdischen Bevölkerung verübt wurden.

Das Hafenviertel „Puerto Madero“ ist nicht schlecht gestaltet, machte aber auf uns den Eindruck eines sterilen OP-Saales inmitten eines ansonsten ungeordneten, lebendigen Schmelztiegels. Vorteilhaft ist die Polizeipräsenz, sehr sicher und kein Hundekot. Auf dem Rückweg zum Hotel konnten wir einer Straßentango-Aufführung beiwohnen, was für den Tag ein schöner Abschluss war.

9. Oktober 2019.

Fokussierung: Die von Touristen, auch von uns, besuchten Orte in Buenos Aires liegen in einem vier Kilometer breiten Streifen entlang des Rio de la Plata, der sich vertikal im Prinzip zwischen den beiden Fußballstadien der Stadtrivalen, Boca Juniors im Süden und River Plate im Norden, erstreckt. Der weitaus größere Teil von Buenos Aires legt sich wie eine Sichel um dieses Gebiet und wird kaum besucht.

Zu uns. Erste Handlung des Tages bestand im Kauf zweier Matetee-Becher und den dazugehörigen Trinkröhrchen. Material Holz, für die Trinkgefäße und die Trinkröhrchen aus Edelstahl. Etwas fußlahm beschlossen Rita und ich, die in allen großen Städten der Welt funktionierende Hop-on-Hop-off Bus-Variante umzusetzen. Das falsche Einsteigen bescherte uns den zweiten Besuch im Stadtteil La Boca. Diesmal entfernten wir uns von den touristischen Pfaden und sahen die reale Armut im Viertel. Mehrere Male wurden wir schon in Buenos Aires von Bewohnern aufgefordert, mit der Kamera vorsichtig zu sein. Stichwort Diebstahl. Hier aber, in den Seitenstraßen von La Boca, schickte man uns schnell zurück in Richtung Touristenzone. Nicht nur wegen Diebstahl. Noch ein paar Fotos geschossen und wir befolgten den gut gemeinten Rat. Es ging quer durch die Stadt nach Norden. Nächstes Ziel, „Florales Generika“, eine aus Aluminium und Stahl konstruierte Blüte, die sich automatisch bei Sonnenaufgang öffnet und nach Sonnenuntergang schließt. Es ist ein Geschenk eines argentinischen Architekten an BA und soll das tägliche wiedergeboren werden der Blumen zeigen.

10. Oktober 2019.

Unser Busticket hatte achtundvierzig Stunden Gültigkeit und so landeten wir nochmals im Stadtteil Palermo. Auf der Rückfahrt stiegen wir im Viertel „Recoleta“ aus, was zu den wohlhabenden Vierteln zählt. Auf dem berühmten Friedhof des Viertels, wo ein Mausoleum reicher und bekannter Familien neben dem anderen steht, suchten wir die Grabstätte von Eva Perón. Macht jeder Besucher. Einsetzender Regen verhinderte an diesem Tag das Finden.

11. Oktober 2019.

Tagsüber verbummelten wir die Zeit. Für den frühen Abend hatten wir Karten besorgt für eine kleine Tango-Aufführung im berühmten „Café Tortoni”. Französische Immigranten eröffneten 1858 in Buenos Aires das Café Tortoni, wahrscheinlich nach dem Vorbild des gleichnamigen Cafés in Paris. Über Jahrzehnte trafen sich hier Persönlichkeiten aus aller Welt. Heute stehen Busladungen von Touristen Schlange vor dem Eingang. Die Tango-Aufführung war ganz nett. Uns gefiel der Chansonnier, der mit Sprechgesang eine Geschichte rund um die Tango-Aufführung erzählte. Verstanden haben wir ihn zwar nicht, aber manchmal macht es halt die Stimme. Interessant ist vor diesem Hintergrund die sprachliche Entwicklung in Buenos Aires. Durch Zusammenführung italienischer Dialekte mit dem bereits hier gesprochenem Spanischen entstand eine Mischsprache „Cocoliche“. Nimmt dem Spanischen die Härte in der Aussprache.

12. Oktober 2019.

Am Morgen des heutigen Samstags drang schon früh Musik in unser Hotelzimmer. Grund war der Kulturtag der Zentral-Anden-Staaten. Auf der gegenüberliegenden Seite der Avenida 9 de Julio stellten sich bereits Folklore-, Tanz- und Musikgruppen auf. Rita, bei der die Menschen der Zentral-Anden den größten Eindruck auf der Reise hinterlassen hatten, war, ehe ich mich umgedrehten konnte, ab durch die Türe und auf dem Weg. Ich packte nur noch die Fototasche und folgte. Die bunten Trachten und Kostüme der Gruppen erinnerten, wie schon in Cusco, an Fastelovendszöch in Köln. „Uns jing et Hätz op”. Zehn Stunden dauerte das Vorbeiziehen der Gruppen, die überwiegend aus Bolivien und Peru stammten. Nachfrage ergab, dass es sich hauptsächlich um Immigranten handelte, die in Vereinen organisiert ihre Kultur und Identität in Argentinien aufrechterhalten wollen.

Die Musik der Andenstaaten ist durch wiederkehrende Rhythmen gekennzeichnet, was bedeutete, dass ein Schunkeln ausfiel. Bilder unseres Fastelovends kamen uns trotzdem in den Sinn.

4. bis 12. Oktober 2019 · Buenos Aires · Argentinien