NORDSÜDFAHRT · Panamericana

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Antigua Guatemala
Guatemala

9. Februar 2019. Es regnete und es war kalt. Cobán liegt auf 1.400 Höhenmetern und fortan ging es auf und ab im Hochland von Guatemala, nach Antigua (Alt Guatemala), der ehemaligen Kolonial-Hauptstadt Zentralamerikas, bis das große Erdbeben im Jahre 1773 sie fast vollständig zerstörte.

Bevor wir von Antigua berichten, zunächst eine Anekdote. Auf dem Weg dorthin werden wir zweimal von Militärs kontrolliert. Sehr freundlich. Erste Frage: „Aleman ?”, wir darauf: „Si”. Dann kommt meistens ein Lächeln und wie hier zwei Worte: „Bayern München”. In diesen Momenten möchte ich so gerne Spanisch sprechen können. Ich würde gerne sagen: „No, 1. FC Köln. Und es gab Zeiten in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, da sahen sich die Offiziellen von Bayern München unser Geißbockheim an, weil es als richtungsweisend galt. Wahrscheinlich wurde zu dieser Zeit gerade in München im Nasszellenbereich der Profifußballabteilung die zweite Wasserleitung für Warmwasser verlegt.” Musste mal gesagt werden.

Weiter zur Strecke. Über die CA 5 erreichten wir die CA 9, die direkt nach Guatemala-Stadt führte. Wir nahmen es mit der Zeit- und Streckenplanung nicht so genau und erreichten Guatemala-Stadt zur Rushhour. Die Hauptstadt, mit etwa 2,5 Millionen Einwohnern, bedanke sich mit einem Verkehrschaos, bei dem der Ausstoß von Stickoxiden keine Rolle spielte. Nach etwa 1,5 Stunden war es geschafft und die restlichen Kilometer bis Antigua Guatemala schnell gefahren.

Jetzt zum Campground. Was wir nicht richtig gelesen hatten, es gab nur ein Hostel, dass Platz für ein paar Zelte auf seinem Dachgarten anbot und somit hieß es vor Anbruch der Dunkelheit ein Hotel zu suchen mit sicherem Parkplatz für Büdchen und BMW. Rita nahm das in die Hand und wir hatten Glück. Casa Antigua, ein zentral gelegenes Hotel mit einem beinahe so schönem Innenhof wie das in San Cristóbal.

10. Februar 2019. Antigua ist eigentlich eine Fortführung der sehr schönen kolonialen Städte, die wir seit unserem Aufenthalt in Mexiko besuchten. Die kleine Schwester von San Cristóbal, könnte man sagen. Wie bereits erwähnt, zerstörte ein Erdbeben große Teile der Stadt und einige noch nicht renovierte Kirchen und Gebäude lassen uns nachempfinden, was vor ein paar Jahrhunderten geschehen war. Außer den noch nicht renovierten Zeitzeugen, die einen besonderen Charme haben, ist die malerische und liebevoll gepflegte historische Altstadt ein Postkartenmotiv aus jedem Winkel. Wir fühlten uns sehr wohl in Antigua und blieben bis zum Sonntag, dem 17. Februar 2019.

11. Februar 2019. Was wir fast vergessen haben, Büdchen hatte wieder hinten rechts einen Plattfuß und wir schafften es am Ankunftstag gerade noch auf den von Hotels genutzten und bewachten Sammelparkplatz. Sonntags war kein Vulkanisationsbetrieb geöffnet – komisch, in der Stadt der Vulkane braucht man einen Vulkanisationsbetrieb – und so demontierte ich montags den Reifen. Mit einem Tuk Tuk, einer dreirädrigen Rikscha, ging es zur Reifenreparatur. Eine recht dicke Schraube war Ursache des Plattfußes. Man glaubt nicht, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man immer etwas vorhat.

12. Februar 2019. Am Dienstag ging es hoch zum Cerro de La Crux, von wo wir den Blick über die Stadt genossen. Hier beschlossen wir beim Anblick des Vulkans de Aqua, selbst auf einen Vulkan zu steigen.

13. Februar 2019. Mittwochs war die alte BMW an der Reihe. Ab und an sollte man die Synchronität der Vergaser überprüfen. Da ich von Hause aus kein Mechaniker bin, mache ich dies nach Gehör und Gefühl und es läuft.

14. Februar 2019. Donnerstag war der Tag, den Rita und ich für eine Kaffeeplantagenbesichtigung eingeplant hatten und so ging es vor die Tore der Stadt zur Finca Filadelfia, welche beste Arabica-Bohnen für Starbucks anpflanzt. Der Höhepunkt unseres Aufenthalts stand noch aus – eine Vulkanbesteigung. Der Name Acatenango war mir bekannt, bevor ich wusste, dass er zu einem Vulkan gehört. Addi Furler, ein Sportjournalist der ersten Stunde für das Fernsehen und Inszenator des Gewinnspiels „Galopper des Jahres”, lebte lange Zeit in Köln und präsentierte in den achtziger Jahren dreimal den Vollbluthengst „Acatenango” als Sieger des Jahres. Das schaffte danach kein Pferd mehr und somit stand fest, das wir auf diesen Vulkan hoch müssen.

15. Februar 2019. Wir wurden morgens am Hotel abgeholt. Dann ging es im Sammeltaxi, hier Colectivo genannt, mit vier weiteren Wanderern zum Ausgangspunkt auf etwa 2.400 Meter Höhe. Wir lernten unseren für die nächsten beiden Tage als lokalen Bergführer bestimmten Einheimischen kennen, dessen Namen wir leider vergessen haben, dessen Gesicht hingegen wir sehr positiv in Erinnerung behalten werden. Unsere Rucksäcke waren gefüllt mit fünf Liter Wasser, Regenklamotten, andere Kleidung zum Wechseln, ein paar Snacks, Zahnbürste und -pasta und natürlich Toilettenpapier. Vor Ort gab es Essensrationen – Huhn mit Reis, Tortillas mit Gemüse und Huhn in der Tupperware. Zusätzlich erhielten wir eine warme Jacke, Handschuhe und, wer wollte, eine Wollmütze. Ich hatte meine eigene. Basislager auf immerhin auf 3.700 Metern. Wie man hörte, kann es dort kalt werden.
Um 10.30 Uhr ging es dann los. Eine junge Holländerin, ein junger Deutscher und ein Pärchen aus Dänemark sollten außer unserem Guide und uns natürlich für die nächsten vierundzwanzig Stunden eine Einheit bilden, um mit 3.976 Metern einen der höchsten Schichtvulkane in Mittelamerika zu besteigen. Rita und ich haben in den letzten Monaten keinen Sport gemacht. Bei mir ist Sport seit Jahren kaum ein Thema, haben doch drei orthopädische Operationen, zwei Kreuzbandrisse links und rechts und ein Innenbandriss das verhindert. Dank an Dr. med. Peter Schäferhoff, der seit über zwanzig Jahren die Profiabteilung des 1. FC Köln betreut. Nach einer Stunde durch Lavaschlacke bis an den Waldrand glaubten wir zu ahnen, was vor uns liegen sollte. Wir lagen falsch, es wurde heftiger. Der Jüngste der Gruppe war 19 Jahre alt, der Älteste um die 30 Jahre. Rita sprengte mit 51 Jahren schon das Mittel, bevor ich mit meinen 61 Jahren den Schnitt total durcheinander brachte.

Rita erzählte mir nachher, dass als man auf mich gewartet habe, alle bei mir auf Aufgabe setzten. Wer mehr über den Weg lesen möchte, gehe bitte ins Netz zur Information. Für uns und besonders für mich war nach sechs Stunden das Erreichen des Basislagers auf 3.700 Höhenmetern das Ende der Fahnenstange. Unser Platz weit über den Wolken ist kaum zu beschreiben. Fast über die Grenze gegangen, wurden wir belohnt mit Ausblicken, die wir so in unserem Leben noch nicht gesehen hatten. Einer der weltweit aktivsten Vulkane, Vulcano de Fuego mit einer Höhe von 3.763 Metern, der in Abständen von ungefähr zwanzig Minuten eruptiert, war zum Greifen nah. Im Juni 2018 wurden weit über hundert Menschen Opfer eines Ausbruchs des Vulkans. Nach Osten gerichtet hatte man einen traumhaften Blick auf den Hausvulkan von Antigua, den Volcán de Agua. Mittlerweile brannte ein Feuer unter dem Freisitz und alle saßen, nachdem sie ihre Sachen im Zelt des Basiscamps verstaut hatten, um die Feuerstelle. Die hereinbrechende Nacht machte den Anblick des eruptierenden Vulkans intensiver und die feste herausgeschleuderte Lava erhellte immer wieder den Himmel. Unser Guide ließ Schokolade im Kessel schmelzen für diejenigen, die ein Heißgetränk mochten und bot Marshmallows an, um sie über dem Feuer zu erhitzen. So gegen 22.00 Uhr stellte sich trotz weiterer atemberaubender Bilder Müdigkeit ein und das Großzelt wurde bezogen. Sollte es doch morgens früh gegen 4.00 Uhr zum Sonnenaufgang auf den Summit des Acatenangos gehen. Nochmal um die 280 Meter.

16. Februar 2019. Die Nacht, es war frisch, wurde mehr oder weniger mit Schlafen verbracht, bis um 4.00 Uhr unser Guide zum Aufbruch drängte. Alle standen auf, nahmen dankbar den Kaffee, der bereits fertig war, entgegen und machten sich zum Aufstieg bereit. Um 4.30 Uhr ging es los. Nach fünfzig Metern steil bergauf über Lavageröll entschied ich für mich, dass es das war. Mein rechtes Knie meldete sich vehement und mein Puls signalisierte mir: „Lass es sein! ”. Untrainierte 3.700 Höhenmeter waren mehr als genug und wir hatten noch 1.300 Höhenmeter abwärts vor uns.
Rita zeigte Verständnis für meine Entscheidung und blieb mit mir im Basislager. Was für ein Glück. Eine halbe Stunde später gab es am Vulcano de Fuego eine solch heftige Eruption, die man vermutlich nicht alle Tage zu sehen bekommt und nur von unserer Position genau zu beobachten war.
Anderthalb Stunden später waren auch die Gipfelstürmer wieder bei uns und es ging mit unvergesslichen Bildern im Kopf an den Abstieg. Wir erreichten nach drei Stunden den Ausgangspunkt unseres Abenteuers und verabschiedeten uns von unserem Guide, der die Gruppe sehr umsichtig und hilfsbereit auf den Acatenango geführt hatte. Unsere Gruppe war eine Interessengemeinschaft und so gingen wir in Antigua auch auseinander. Was für ein Erlebnis.

9.-16. Februar 2019 · Antigua Guatemala